Welche Organe gehören zum Harntrakt? Die Aufgabe des Harntrakts
Was ist eine Blasenfunktionsstörung? Warum haben fast alle Menschen mit einer Querschnittlähmung eine Blasenfunktionsstörung?
Gibt es noch andere Erkrankungen mit einer Blasenfunktionsstörung? Ist eine Blasenfunktionsstörung gefährlich?
Ist eine Blasenfunktionsstörung heilbar? Welche Organe neben der Harnblase können noch betroffen sein?
Gibt es verschiedene Arten einer Blasenfunktionsstörungen? Muss die Art der Blasenfunktionsstörung genau bestimmt werden?
Wie werden die unterschiedlichen Erkrankungen diagnostiziert? Wie oft muss eine gelähmte Blase untersucht werden?
Welche Anzeigen gibt es bei einer Gefährdung von Blase und Nieren? Was sind die Behandlungsziele und mit welchen Behandlungsmethoden werden sie erreicht?
Ist ein Mensch mit einer Blasenfunktionsstörung meistens inkontinent? Besteht ein Zusammenhang der Blasenfunktionsstörung mit Harnwegentzündungen?
Gibt es eine bestimmte Form der Blasenentleerung bei Blasenfunktionsstörung? Der Dauerkatheter
Suprapubischer Fistelkatheter (»SPF«)
Der intermittierende (Selbst-)Katheterismus
Pressen  

 

Welche Organe gehören zum Harntrakt?

Die Nieren, die Harnleiter, die Blase sowie die Harnröhre. Bis auf die Länge der Harnröhre und das Fehlen der Prostata bei der Frau, ist der Harntrakt bei beiden Geschlechtern gleich.

Die Aufgabe des Harntrakts

Giftstoffe und überflüssiges Wasser werden von den Nieren aus dem Blut entfernt und in Urin umgewandelt. Über die Harnleiter wird der Urin dann zur Blase transportiert. Als Hohlmuskel ist die Blase in der Lage, sich zu dehnen, um den Urin zu speichern. Sie bestimmen dann den Zeitpunkt der Blasenentleerung (Miktion). Dabei zieht sich der Blasenmuskel (Detrusor) zusammen und der Schließmuskel öffnet sich. Der Schließmuskel ist ein ringförmiger Muskel, der wie ein Ventil funktioniert.

Unser Nervensystem reguliert die Koordination von Blase und Schließmuskel mit willkürlicher und unwillkürlicher Kontrolle. Durch Nervenimpulse gelangt die Informationen einer vollen Blase an das Gehirn. Nun kann entschieden werden, ob die Blase entleert werden soll oder nicht. Soll die Blase entleert werden, sendet das Gehirn Nervenimpulse an die Blase und den Schließmuskel. Die dann folgende Aktion ist unwillkürlich: der Schließmuskel öffnet sich und die Blase zieht sich zusammen.

Was ist eine Blasenfunktionsstörung?

Erreichen die Kommandos der motorischen Nerven und die die Informationen der sensiblen Nerven, durch eine Unterbrechung (z.B. durch eine Verletzung des Rückenmarkes) das Großhirn nicht, kommt es zu einer Störung der Blasenspeicherung und Entleerung. 
Durch die Unterbrechung der Nerven — z.B. durch eine Verletzung des Rückenmarks — für Kommandos der motorischen Nerven und Informationen der sensiblen Nerven zum Großhirn, führt zu einer Störung der Urinspeicherung und der Fähigkeit, die Harnblase willkürlich zu entleeren oder den Urin willkürlich zurückzuhalten. Die Störung zur Steuerung der Harnblase kann zu schweren anatomischen Veränderungen der Harnwege führen, zu Restharnbildung, zu Blasenentzündungen bis hin zum Verlust der Nierenfunktion.

Warum haben fast alle Menschen mit einer Querschnittlähmung eine Blasenfunktionsstörung?

Die Harnblase gilt mit als das am besten mit Nerven versorgte Organ. Gegen Verletzungen oder Störungen der Nervenversorgung ist sie ganz besonders empfindlich. Eine Blasenfunktionsstörung kann bereits bei geringfügigen Verletzungen des Rückenmarks auftreten. Es ist sehr selten, dass sich eine einmal bestehende Blasenfunktionsstörung zurückbildet. Allerdings ist ein endgültiges Urteil erst etwa zwei Jahre nach einer Rückenmarkschädigung möglich.

Gibt es noch andere Erkrankungen mit einer Blasenfunktionsstörung?

MS-Patienten (Multiple Sklerose) erkranken fast immer an einer Störung der Nervenversorgung der Harnblase. Auch Entzündungen der Wirbelsäule, Entzündungen des Rückenmarks, die Parkinson-Erkrankung, Bandscheibenvorfälle, Zuckerkrankheit, Durchblutungsstörungen und Tumore des Gehirns oder Rückenmarks sowie große Operationen im kleinen Becken können zu einer Blasenfunktionsstörung führen.

Ist eine Blasenfunktionsstörung gefährlich?

Diese Erkrankung muß medizinisch behandelt und unter Beobachtung gehalten werden. Man kann an den Folgen einer Blasenfunktionsstörung sterben.

Ist eine Blasenfunktionsstörung heilbar?

Eine Möglichkeit, unterbrochene Nervenstränge des Rückenmarks wieder richtig funktionierend zu vereinigen oder zu reparieren, gibt es nicht.

Welche Organe neben der Harnblase können noch betroffen sein?

Je nach Art der Verletzung können auch der Schließmuskel der Blase und der After betroffen sein. Auch die Sexualfunktionen wie Gliedversteifung, Samenerguss, Befeuchtung der Scheide oder Orgasmusfähigkeit können beeinträchtigt sein.

Gibt es verschiedene Arten einer Blasenfunktionsstörungen?

Man unterscheidet zwei verschiedene Arten: die „schlaffe“ und die „spastische“ Blasenfunktionsstörung. Bei der schlaffen Blasenfunktionsstörung sind der Blasenmuskel und der Schließmuskel inaktiv, bei der spastischen arbeiten beide unkontrolliert gegeneinander. Dazwischen gibt es gemischte Formen. Zum Beispiel kann der Blasenmuskel spastisch, der Schließmuskel schlaff gelähmt sein oder umgekehrt. Zusätzlich kann das Harndrangempfinden mehr oder weniger stark gestört sein. Viele Betroffene verwechseln das Gefühl, das ein spastischer Blasenmuskel beim Zusammenziehen verursachen kann, mit Harndranggefühl.

Muss die Art der Blasenfunktionsstörung genau bestimmt werden?

Ja, eine spastische Blasenfunktionsstörung bedarf einer anderen Behandlungsmethode als eine schlaffe.

Wie werden die unterschiedlichen Erkrankungen diagnostiziert?

Der behandelnde Arzt führt eine „Urodynamische Untersuchung“ durch, eine harmlose Untersuchung, bei der der Innendruck der Harnblase durch Befüllung mit einer sterilen körperwarmen Kochsalzlösung und anschließender Entleerung gemessen und aufgezeichnet wird. Bei der Verwendung von Röntgen-kontrastmittel wird die Blase gleichzeitig durchleuchtet (= Video-Urodynamik). Dadurch kann die genaue Art der Lähmung und das Risiko für die Nieren bestimmt werden.

Wie oft muss eine gelähmte Blase untersucht werden?

Hinsichtlich des Wachstums sollte bei kleineren Kindern die Blase jährlich untersucht werden. Bei einem
hohen Risiko für den oberen Harntrakt, hier sind die Nieren angesprochen, ist es notwendig, alle sechs Monate eine Urodynamik durchzuführen. Die Untersuchungen bei Älteren und die bei Patienten mit geringerem Risiko sollten in einem Intervall von drei Jahren durchgeführt werden. Mindestens einmal pro Jahr sollte mit Ultraschall nach Steinen und Zeichen der Nierenschädigung gesucht werden.

Welche Anzeigen gibt es bei einer Gefährdung von Blase und Nieren?

Eine Gefährdung der Nieren besteht immer dann, wenn bereits während der Füllung der Harnblase ein hoher Innendruck oder eine schlechte Dehnbarkeit besteht. Eine akute Gefahr für die Nieren besteht, wenn zusätzlich oder alleine bei der Entleerung ein Druck von mehr als 40 Torr (Definition: Torr=mmHg/Millimeter Quecksilbersäule) überschritten wird.
Wird bei der Durchleuchtung ein Rückfließen von Urin in die Harnleiter oder Nieren (»Reflux«) beobachtet oder wird ein schlechter Abfluss des Urins in die Harnblase aus den Nieren beobachtet (»Harnstauung«), muss in der Regel gehandelt werden. Eine Veränderung, d.h. Zunahme der Spastik, ist häufig ein Zeichen dafür, dass mit der Blase etwas nicht in Ordnung ist. Hoher Blutdruck und dadurch ausgelöste Kopfschmerzen können ebenfalls ein Warnsignal sein, das seine Ursache im Harntrakt hat. Viele Harnweginfekte sind auch ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt.

Was sind die Behandlungsziele und mit welchen Behandlungsmethoden werden sie erreicht?

Die Nierenfunktion zu erhalten und zu schützen, Harnweginfekte zu vermeiden und möglichst Kontinenz herzustellen ist das Behandlungsziel. Durch Überwachung und Abwarten, durch Medikamente, durch intermittierenden Katheterismus, spezielle Hilfsmittel und Operationen. 

Ist ein Mensch mit einer Blasenfunktionsstörung meistens inkontinent?

Durch die Lähmung des Schließmuskels kommt es bei Belastung zu unfreiwilligem Urinabgang. Bei einer unkontrollierten Eigentätigkeit des Blasenmuskels ebenso. Manchmal liegen beide Gründe zusammen vor.

Besteht ein Zusammenhang der Blasenfunktionsstörung mit Harnwegentzündungen?

Eine gelähmte Harnblase funktioniert nicht richtig, sie entleert sich häufig unvollständig. Blasenmuskel und Schließmuskel arbeiten nicht korrekt zusammen. Dadurch verbleibt Restharn, ein ausgezeichneter Nährboden für Bakterien. Eine Blasenfunktionsstörung bedeutet lebenslange Überwachung.

Gibt es eine bestimmte Form der Blasenentleerung bei Blasenfunktionsstörung?

Die Prämisse ist hierbei der Erhalt der Nierenfunktionen. Weiterhin sollte ein hohes Maß an Selbstständigkeit für den Patienten erreicht werden und die Gefahr einer Harninkontinenz sowie das Auftreten von Harnweginfekten vermieden werden.

Der Dauerkatheter

Die schlechteste aller Möglichkeiten stellt die Entleerung des Urins über einen längeren Zeitraum durch einen Harnröhren-Dauerkatheter dar. Der Dauerkatheter verkürzt die Lebenserwartung erheblich und führt zu einer Reihe unangenehmer und gefährlicher Komplikationen. Nur in Ausnahmefällen, wie z.B. nach einer Operation, ist dieser für einen kurzen Zeitraum erlaubt. Auf Dauer einen Querschnittgelähmten mit einem Dauerkatheter »zu versorgen«, ist fraglich.

Suprapubischer Fistelkatheter (»SPF«)

Dieser Dauerkatheter, der zwischen Schambein und Nabel in die Harnblase eingelegt wird, ist meistens nur als Zwischenlösung gedacht. Bei älteren Menschen kann eine solche Harnableitung - wenn andere Lösungen nicht in Frage kommen - ein möglicher Kompromiss sein.

Der intermittierende (Selbst-)Katheterismus

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Blasenentleerung durch Reflexentleerung

Bei engmaschiger Kontrolle durch einen Urologen kann die Blase bei kleinen Kindern alleine durch die Reflextätigkeit der Blase, d.h. die Reflexinkontinenz, entleert werden. Diese Methode kann auch für hoch Gelähmte (Tetraplegiker), die wenig oder gar keine Handfunktion haben, eine Möglichkeit zur Blasenentleerung darstellen. Durch das Reizen von Reflexzonen, meistens durch Beklopfen des Unterbauchs, Klopfen (»Triggern«) kann der Reflex zur Entleerung einer spastischen Blase ausgelöst werden. Die meisten Querschnittgelähmten sind inkontinent und müssen deshalb ein Kondomurinal tragen. Diese Methode wurde früher häufig mit einer Schließmuskeleinkerbung kombi-niert, sie wird heute nur noch selten angewandt, hat aber bei hoch Gelähmten immer noch ihre Berechtigung.

Pressen

Manchen Patienten gelingt es, durch die Bauchpresse („Valsava-Manöver“) oder mit den Händen die Blase auszupressen („Credé-Manöver“). Eine Methode, die der Harnblase schadet, einerseits, weil mehr oder weniger Restharn in der Blase bleibt, andererseits, weil unnatürlich hoher Druck auf die Blase und den Schließmuskel einwirkt und diese beschädigt. Der intermittierende Selbstkatheterismus stellt hierzu eine gute Alternative dar.